„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Jahreslosung Römer 12,21 (Luther 1984)
Typisch Paulus – er gibt der Gemeinde in Rom klare Ansagen mit auf den Weg. Für meine Generation sind Befehlsformeln immer auch Reizworte, klar und irgendwie richtig – aber sie provozieren dabei auch meinen Widerspruch. In drei Gedankengängen möchte aufzeigen, wozu mich dieses Bibelwort „ruft“:
1. „Gut und Böse“ – differenziert betrachten!
Ich wehre mich grundsätzlich gegen einfache Einteilungen. Fast schon reflexartig geht mir der Satz über die Lippen: „das sollte differenzierter betrachtet werden“ es gilt genauer hinzuschauen. „Gut“ und „böse“ gehören nicht zu meinen Standarddenkkategorien und ich versuche äußerst behutsam mit Urteilen umzugehen. Zu oft ist „gut gemeint“ aus anderer Perspektive ganz schön böse. Und ich habe gelernt, selbst hinter problematischen Verhaltensweisen zu vermuten, dass die handelnde Person aus ihrer Sicht gute Gründe hat.
Es hilft mir, in meinem theologischen Denken die Unterscheidung zwischen Personen und ihrem Verhalten herauszuarbeiten. Gott liebt den Sünder, aber nicht die Sünde. Keinesfalls akzeptiere ich einerseits die simple Einteilungen in gute und böse Menschen oder gar im Blick auf Völker und Staaten etwa mit Benennung einer „Achse des Bösen“.
Andererseits spüre ich in mir eine gewisse Scheu vor klaren, unbequemen Worten, wenn ich den Hintergrund einer Sache noch nicht ganz genau und ausdifferenziert betrachtet habe. Dieses Bibelwort ruft mich dazu, mutiger und ehrlicher Position zu beziehen, Böses aus meiner Perspektive zu benennen, öfters Intuition zu trauen, aber auch ohne den Anspruch, hinter allem die letzte Wahrheit zu kennen.
2. Durchbrechen von Teufelskreisen
Bei näherer Betrachtung steckt eine tiefe Weisheit in diesem Bibelvers. Böses – etwa in Gestalt von Gewalt und Konflikten – funktioniert häufig in Regelkreisläufen oder eskalierenden Spiralen. Aktion und Reaktion gehen endlos weiter oder schaukeln sich gar auf. Wer mit Bösem auf Böses reagiert, sorgt dafür, dass alles bleibt wie es ist oder gar schlimmer wird. Solch zerstörerische Kreisläufe entwickeln sich überall wo sich Menschen aneinander reiben, in Ehen genauso wie an Arbeitsstellen, in der Nachbarschaft aber auch in der Gemeinde.
Ich höre hinter dem Satz des Paulus die Hoffnung, dass es mit Gottes Hilfe gelingen kann, Kreisläufe zu unterbrechen und Systeme so zu stören, dass sich etwas ganz Neues, Heilsames entwickeln kann. Diese alternative, verstörende Art des Handelns finden wir ebenso in der Aufforderung Jesu in der Bergpredigt, die andere Wange hinzustrecken, wenn man auf die eine geschlagen wurde. Vorbilder wie Mahatma Ghandi und Martin Luther King haben auf ihre Weise versucht zu verstören. So gesehen ist es Auftrag der „Jünger Jesu“ destruktive Kreisläufe zu erkennen, zu benennen und wo möglich an ihrer Durchbrechung mitzuwirken.
3. Nein-Sagen lernen!
Bundespräsident Christian Wulff hat in einem lesenswerten Artikel über die Jahreslosung geschrieben: „Es sind die schönsten Siege im Leben eines Menschen, wenn er Impulse des Bösen überwindet und darauf verzichtet, seinem Geltungs-, Macht-, Besitz- oder Rachebedürfnis, seiner Abneigung oder gar seinem Hass freien Lauf zu lassen. … Es ist eine große Anstrengung und Verantwortung, aber auch eine Freude, sich hierzu frei zu wissen: frei, sich für die Wahrheit und das Gute zu entscheiden und gegen den kurzfristigen Vorteil zu Lasten des Ganzen.“ (aus "Das Lesebuch zur Jahreslosung 2011" - Hrsg. Christoph Morgner)
Über seine sehr optimistische Einschätzung der menschlichen Freiheit und Verantwortung lässt sich diskutieren. Bemerkenswert finde ich aber vor allem, dass hier Schuld nicht verschoben oder verdrängt wird, sondern unsere eigenen Anteile offen angesprochen werden.
Dann ruft mich die Jahreslosung das „Nein-Sagen“ zu lernen. Nein zu den Impulsen von außen und innen, die „böse Wege“ als die bequemeren, leichteren und vor allem erfolgreicheren darstellen.
Jörg Finkbeiner




