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Horizont Ostern 2011 Anstoss

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Liebe Leserinnen und Leser,

das Taizé-Lied „Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet“ (EG 787.2 / EmK 202) führt uns mitten in eine zentrale Passage der biblischen Passionstexte hinein. Sie zeigt Jesus mit Simon Petrus und den Zebedäus-Söhnen Jakobus und Johannes im Garten Gethsemane. Matthäus 26,41 ist zugleich der Monatsspruch für den April 2011.

Matthäus 26, 38.41: Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! … Wachet und betet, dass Ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

In vier Betrachtungsschritten nähern wir uns der Szene:

Bleibet!

Die Art, wie Jesus uns in dieser Szene gezeigt wird, ist für uns nachträgliche Betrachter schwer auszuhalten: betrübt, ringend, fragend, leidend – in einer tiefen Krise, einer Stunde der Entscheidung. Nach vielen Berichten in den Evangelien, die ihn als vollmächtigen Heiler oder beeindruckenden Prediger zeigen, erscheint sein Wunsch, in dieser Stunde nicht allein zu sein so banal - verstörend, zutiefst menschlich und so wenig göttlich. „Ihr seid meine Freunde wenn Ihr tut, was ich euch gebiete“ so spricht Jesus (nach Johannes 15) seine Jünger an, in dem Kapitel in dem er sich selbst mit einem Weinstock vergleicht und die Jünger mit Reben, mit der Aufforderung an ihm zu bleiben. Und hier wird dies konkret. Auch wenn er sich manchmal allein in die Stille mit Gott zurückzieht, versteht er sich bewusst als einer, der Freunde hat. Die Evangelien zeigen uns eine Art innerer Zirkel im Jüngerkreis, die drei besten Freunde für die besonderen Stunden, die er, als es hart auf hart geht, ganz nahe bei sich haben wollte. Nachfolge Christ – wahre Jüngerschaft könnte bedeuten, gerade in den dunklen Stunden des Lebens als sein Freund dicht bei ihm zu bleiben und die Finsternis mit ihm aushalten.

 

Wachet

Man stelle sich vor: nach dem sog. Abendmahl, das nach jüdischer Sitte bis in die Nacht ging, werden es gerade die kritischen Stunden gewesen sein, in denen ein Mensch normalerweise so tief schläft wie kaum sonst: vielleicht 2.00 Uhr oder 3.00 Uhr nachts. Es ist auch die Zeit, die für Menschen, die nicht schlafen können, die schlimmste Zeit in der Nacht ist. Wer wach liegen muss, jeden Glockenschlag zählt, erlebt gerade zu diesen Stunden der Nacht diese Not am stärksten. Hier nun ist es so, dass den Jüngern die Augen einfach zu fallen. Sie können sie nicht mehr offen halten. Immer wieder schlafen sie ein – wo sie doch wach bleiben wollen und Jesus sie auch darum gebeten hat. Wachsamkeit steht in der Bibel immer auch für die Haltung des Erwartens, für eine Öffnung hin auf das Kommende. Auch wir sprechen von einem „wachen Geist“ und beschreiben damit die Haltung eines Menschen, der besonders aufmerksam wahrnimmt, was um ihn herum geschieht. Die Jünger können Jesus das Geleit in dieser schweren Stunde nicht geben.

 

Betet

Die dritte und letzte Anweisung in Befehlssprache (Imperativ) hat vor allem mit der Perspektive und Haltung der Freunde zu tun. Beten steht für das Bewusstsein: wir sind nicht allein. In der Beziehung zu Gott konstituiert sich die vielleicht tiefste Form der Gemeinschaft und Verbindung auch zwischen Menschen. Der Bergprediger, der im „unser Vater“ seinen Jüngern exemplarisch gezeigt hatte, wie sie beten sollen, fordert dazu auf, im Gebet Gott gerade an dieser Schlüsselstelle des Lebens einzubeziehen.

Jesus selbst ringt mit Gott um seinen Auftrag. Er wird als Vorbild dafür gezeigt, was es bedeutet, in Gott einen Adressaten zu finden für alles, was uns umtreibt – auch Leiden, Klage, Schmerz, Fragen, Zweifel und selbst das Gefühl der „Gottverlassenheit“. Und später am Kreuz, in der größten Bedrängnis des Sterbens, wenn die eigenen Worte ausgehen – findet Jesus nach den Evangelienberichten dann in Psalmen noch Worte um das ansonsten Unsagbare auszudrücken „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Matthäus 27,46 / Psalm 22,2).

 

… dass ihr nicht in Anfechtung fallt!

Das Wort „Anfechtung“ kommt heute in unserem Sprachgebrauch kaum mehr vor. Es ist ganz eindeutig religiös geprägt. Es hat etwas von einer Prüfung (Jak 1,12), wobei sich dann die Frage stellt, wer hier wen prüft. Dies führt mitunter zu einem recht schrägen Gottesbild.

Hier nun ist die Anfechtung all das, was den Glauben, das Vertrauen des Menschen in Gott, in Frage stellt. Es können Selbstzweifel sein oder auch Schicksalsschläge, die das Vertrauen in Gott zutiefst herausfordern. Martin Luther formuliert in seiner Vorrede zur ersten Ausgabe seiner deutsche Schriften 1539: „Es gibt drei Regeln, wie man in der rechten Weise Theologie treibet: das Gebet, das Nachdenken und die Anfechtung.“ Das überrascht nun doch, allerdings ist sich Luther sicher, dass Anfechtungen den Glauben stark machen, weil sie uns in die Nähe Gottes treiben. Jesus empfiehlt daher den Jüngern das Gebet als Mittel, mit der Anfechtung umgehen zu lernen.

 

In diesem Sinne mag uns die Passionsgeschichte auch in diesem Jahr wieder dazu ermutigen, bei Jesus Christus zu bleiben – auch gegen das Sperrige und Unverständliche, mit wachem Geist dem Weltgeschehen zu folgen, und das Gebet zu üben, um nicht am Vertrauen in seine Liebe irre zu werden. Dann werden auch wir den Weg vom Tod ins Leben mitgehen können.

Frank Schirm / Jörg Finkbeiner